Ein Bericht von Claudia Gerst

Erbformel

Blaue ABCdg/ABCdg

Englische Widder blau

Erhalten und entwickeln

 

Der Englische Widder an sich ist bereits eine Rarität. Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) führte diese Rasse bis vor kurzem als einzige Kaninchenrasse in der höchsten Gefährdungsstufe „I Extrem gefährdet“. Innerhalb dieser Rasse sind einige Farbenschläge zwar anerkannt aber akut vom Aussterben bedroht. Hier fallen nur sporadisch Jungtiere die zur TGRDEU gemeldet werden. Eine dieser Farbenschläge ist die Farbe Blau und die Blau-weißen Mantelschecken. Die TGRDEU-Zahlen der letzten Jahre zeigen ein erschreckendes Bild.

Jungtiere

 

Rasse Farbe 2013 2012 2011 2010 2009 2008 2007 2006
Englische Widder Blau 0 6 15 9 10 0 0 0
Englische Widder Blau-weiß 3 0 1 2 0 0 0 0

Die Geschichte der Englischen Widder geht bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück, so dass wir es hier mit der wahrscheinlich ältesten Kaninchenrasse überhaupt zu tun haben. 1893 in den deutschen Standard aufgenommen, rangierte sie bereits wenige Jahre später an zweiter Stelle der gesamten deutschen Rassezucht. In den 1930er-Jahrenals „Sportrasse“ erklärt, war es schnell um die einst so stolze deutsche Zucht geschehen. Danach wurde es lange Zeit ruhig um die frühere Moderasse und nur einer handvoll Idealisten ist es zu verdanken, dass der Englische Widder nicht ganz von der Bildfläche verschwunden ist. Einige Verbreitung hatte die Rasse in der ehemaligen DDR und in der Schweiz. Daher wundert es auch nicht, dass der blaue FarbenschlagAnfang der 1990er Jahre in der Schweiz wiedererzüchtet wurde. Leider war die Verbreitung nie sehr groß, so dass Phillip Fritz im Sonderheft „Lust auf Zucht - Rote Liste der Rassekaninchen" der Kaninchenzeitung schreibt:

   

Die Blauen in allen Farbenschlägen sind zwar sehr begehrt, der Knoten ist aber auf ganzer Linie noch in keiner Weise geplatzt. Zwar sitzen bei ein paar Züchtern einige Einzeltiere, aber unterm Strich geht es erst einmal darum, dem Erhaltungsgedanken zu entsprechen und genügend Tiere in den Farbenschlägen zu züchten, die eine intensive Zuchtauf Farbfeinheiten dann erst ermöglichen mögen“. Um 2010 erwachte das Interesse an den Blauen wieder und einige Züchter versuchen seitdem aus europaweit versprengten Einzel- und Trägertieren eine neue tragfähige Zuchtgrundlage zu erschaffen. Unter anderem wurden Importe aus der Schweiz und Nachzuchten aus Großbritannien und Österreich zusammengeführt. Als kleiner Vorteilhat sich herausgestellt, dass bei der Zucht der Blaugrauen auch immer wieder Blaue fallen. Auf der Bundesschau in Karlsruhe 2013 wurde eine erste Zuchtgruppe in Blau aus einem Zufallswurf vorgestellt und trotz mäßigem Bewertungsergebnis als Sensation gefeiert (Kaninchenzeitung 6/2014 Seite 29 Autor: Phillip Fritz). Diese Tiere ergänzten den Genpool und wirken nun in mehreren Zuchten. Erste vielversprechende Jungtiere wurden 2014 geboren und in der vergangenen Schausaison erfolgreich ausgestellt.

Weitere Züchter werden nun gesucht um gemeinsam den Fortbestand und die Weiter entwicklung zu gewährleisten.

Der derzeitige Zuchtstand eignet sich noch keinesfalls zum Erzielen hoher Punktzahlen. Züchter deren Zuchtziel große Preise oder Meistertitel sind, werden keine Freude haben. Gesucht sind deshalb Züchter, die Interesse daran haben, eine Rasse zu entwickeln mit genug Durchhaltevermögen, sich durch Rückschläge nicht entmutigen zu lassen. Die eingesetzten Zuchttiere zeigen gute Fruchtbarkeit und Aufzuchtverhalten als Basis einer erfolgreichenzüchterischen Bearbeitung. Die nicht von der Hand zu weisenden Defizite in fast allen Positionenkönnen nur durch Selektion aus einer größeren Anzahl Jungtiere verbessert werden. Die Verbesserung sollte analog zur Bewertungskarte „von oben nach unten“ erfolgen.

Das größte Augenmerk bei der Auswahl künftiger Zuchttiere sollte zum jetzigen Zeitpunkt auf die Positionen 1 und 2 gelegt werden. Der deutsche Standard sieht ein Gewicht zwischen 4,25kg und 5,25kg vor. Ein Großteil der Tiere erreicht diese Vorgabe nur mit Mühe. Wie bei allen Rassen liegen die typvollsten und formlich besten Tiere im oberenBereich des erlaubten Gewichtsrahmens. Leider sind blaue Englische Widder mit einem Gewicht von 5kg und darüber kaum zu finden. Der Weg führt hier nur über konsequente Selektion zur Verbesserung. Ein Tier das das Gewicht nicht erreicht wird auch in der Form nicht überzeugen können. Schwache,verjüngte Formen, knochige Rückenlinien und eckige Hinterpartien werden oft bemängelt. Diese Kritikpunkte müssen konsequent züchterisch bearbeitet werden. Bei entsprechendem Größenrahmen sollten die Rassemerkmale im Behang dann leicht erreicht werden. Ein weiterer Punkt der gernfür Punktabzüge sorgt, ist das Fellhaar. Weiße Durchsetzungen und weiße Büschel treten immer wieder auf. Eine schwache Fellstruktur führt nicht selten zu Rostanflügen. Die Unterwolle könnte oft dichter und die Unterfarbe dunkler sein. Bei den Mantelschecken macht die große Zahl möglicher Zeichnungsfehler wie weiße Flecken außerhalb der „Dietrichschen Linien“, heller Lippenspalt oder dunkle Brustflecken so manch gutes Tier für die Ausstellung wertlos. Eine Zuchtgruppe Schecken ausstellen zu können, ist ein wirklicher Glücksfall. In jedem Merkmal gibt es bereits Einzeltiere die eine Anforderung schon gut erfüllen. Leider fehlt es momentan noch an der Breite. Nur mit einer großen Zahl Jungtiere aus denen gezielt selektiert wird, kann es gelingen den Zuchtstand nach vorne zu bring en. Der eingeschlagene Weg ist der Richtige und

 

© Franziska Sprenger

so konnten in 2015 bereits über 50 Jungtiere registriert werden. Das Schicksal des Farbenschlags liegtaber in wenigen Händen und schnell könnten die Fortschritte durch den Wegfall von einem oder zwei Züchtern wieder zunichte gemacht werden. Der Englische Widder hat einen zahmen und dem Menschen zugewandten Charakter, der seinem Züchter täglich Freude macht. Kaum haben die Jungtiere das Nest verlassen, kommen sie auf die Züchterhand zu und suchen den Kontakt. Viele Tiere verlangen nach ihren Streicheleinheiten bevor sie sich ihrem Futternapf zuwenden. Oft zuerst als Zweitrasse angeschafft, hört man immer wieder, dass die Englischen Widder alle anderen Rassen aus dem Stall gekuschelt haben. Damit sich die temperamentvolle und bewegungsfreudige Rasse wohlfühlt, sind großzügige Stallanlagen ein Muss. Sitzbretter werden dankbar angenommen. Auch Laufställe oder Freilauf kommen ihnen sehr entgegen. Das Fortpflanzungverhalten ist meist problemlos. Die Rasse gilt als fruchtbar und die Muttertiere ziehen ihre Würfe fürsorglich auf. Auchwenn sich diese Eigenschaften auf keiner Bewertungskarte finden, so sorgen sie doch für die tägliche Freude des Züchters außerhalb der Schausaison an seinem Hobby.

Künftige Neuzüchter können von der Erfahrung der Züchter aus der Interessengemeinschaft (IG) Englische Widder profitieren. In der IG unterstützen sich die Züchter aller Farben gegenseitig, denn Form und Typ gehen immer vor Farbe. Wer sich für die Zucht der Englischen Widder im Allgemeinen und der Blauen im Besonderen interessiert, kann jeden Züchter der IG oder die unten genannten Züchter der Blauen ansprechen. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Farbenschlag seinen Weg macht und wir künftig öfters solche Schauberichte wie zur Widderclub-Vergleichsschau 2014 lesen können: „Neu waren die blauen Englischen Widder, die mir sehr gut gefielen.

Aber ein wirklicher Augenschmaus waren die blau-weißen Vertreter. ... Dieser Farbenschlag lies die Zuschauer vor den Käfigen verharren“      (Autor: Stefan Simon)

Ansprechpartner:

Franziska Sprenger Thüringen 036424-760823

ZGM Lehmann Bayern 08122-84344

Tobias Kullbach Hessen 015751590382

Claudia Gerst Württemberg 07973-1559

Rassebeschreibung

Siehe: ZDRK - Standard von 2004 und Europa - Standard 2012

Wir danken der Züchterin Claudia Gerst sowie Zuchtfreund Stefan Simon und Wolfgang Jensen für ihre Mitarbeit.

Für Ergänzungen oder weitere Hinweise sind wir sehr dankbar

Das Copyright für diesen Bericht liegt bei der Züchterin Claudia Gerst bzw. der Arbeitsgemeinschaft der Widderzüchter.

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