Von Ch. Bastian -Zähringen b. Freiburg i. B Ergänzt von H. Diemer - Husum.

Der Ursprung

Abb. 5 Französisches Widderkaninchen Rammler

Erklärung: Lapin heißt zu deutsch "Kaninchen" b'elier heißt zu deutsch "Widder"

Die ältere und die neuere Literatur über das französische Widderkaninchen sind sehr spärlich und bieten uns über die Abstammung und Einführung desselben im allgemeinen wenig sachdienliche Mitteilungen. Nach französischen Quellen stammt diese Rasse ursprünglich aus dem nördlichen Afrika und ist von Algier zuerst nach Frankreich eingeführt worden. In der afrikanischen Wildnis, wo sie heute noch vorkommt, wird der Lapin b'elier ( nicht so groß wie unter der Pflege des Menschen. Das Datum, in welchem das Kaninchen in Deutschland eingeführt worden ist, führt uns in die Zeit nach Beendigung des deutsch - französischen Krieges von 1870/71 zurück. Deutsche Soldaten haben damals schon den volkswirtschaftlichen Wert desselben im Feindesland erkannt und das Kaninchenfleisch schätzen gelernt. In der richtigen Erkenntnis, auch in Deutschland einen Erwerbszweig einzubringen, der nach statistischen Angaben in Frankreich und in Belgien allein sich auf Millionen berechnet und überall gewürdigt und hochgeschätzt wird, haben unsere Soldaten gleichzeitig die verschiedenen Zubereitungsarten des Kaninchenfleisches kennen gelernt, sich mit der Züchtung und Haltung der Kaninchen bekannt gemacht und die gesammelten Erfahrungen mit nach Hause gebracht und daselbst angewendet. Auf diese Weise brachte man die damals schon in Frankreich in hoher Blüte stehende Zucht des Lapin b'elier zu uns herüber und hier fand sie viele Freunde.

Nach einer anderen Lesart soll das französische Widderkaninchen vom Kaphasen ( Lepus capensis ) abstammen, zuerst in England gezüchtet und dann nach Frankreich verpflanzt worden sein. dem Zweck entsprechend habe man es hier durch Nichtberücksichtigung der Rasseeigentümlichkeit ( Länge und Breite der Ohren ) und durch Züchtung auf gewicht zu dem Tier herangebildet, wie wir es jetzt als französisches Widderkaninchen kennen.

Nun wissen wir aber, dass zu der Zeit, wo der Lapin b'elier nach Deutschland verpflanzt und dort gehegt wurde, stets nur von "Franzosen" und "Parisern" die Rede war. Jedes Kind kannte die Rasse diesem Namen nach. Schon wegen seines eigentümlichen Ohrbehanges und seiner größeren Gestalt gegenüber dem kleinen deutschen Kaninchen fiel dieses Tier jedermann auf und konnte mit keiner anderen Rasse verwechselt werden oder verglichen werden. Damals wusste man sehr wenig von Ausstellungen und noch weniger von "Ohrensport". Man begnügte sich lediglich damit, ein großes und schweres Tier herauszuzüchten.

Im Anfang schien es, als wollte die schöne Sache in der Tat greifbare Wirklichkeit annehmen, und alle Anzeichen und der allerorts hervortretende Eifer sprach im voraus für ein gutes Gelingen. Aber inmitten der eifrigsten Arbeit zeigte sich eine Erscheinung, mit der man zuvor nicht gerechnet zu haben schien, und das kam so: Mit einem und demselben Stamme wurde Jahre und Generationen hindurch fortgezüchtet, Krankheiten traten auf, und der Tod hielt reiche ernte. Dabei wurde die Nachzucht immer kleiner, schwächlicher und weniger widerstandsfähig gegen innere und äußere Einflüsse. Das waren die unausbleiblichen Folgen steter Inzucht, weil man an eine Blutauffrischung wenig oder gar nie dachte. Ein großer teil der Züchter verlor durch die fortwährende Misserfolge den Mut zum Weiterzüchten, und es trat naturgemäß ein jahrelanger Stillstand ein, der für die gute Sache einen Rückschritt bedeutete.

Nun erschienen als Retter in der Not ausgangs der 80er und anfangs der 90er Jahre die deutschen Kaninchenzüchtervereine auf dem Plane. sie nahmen die seit Jahren schlummernde Kaninchenzucht energisch in die Hand und suchten dieselbe in planmäßige und geordnete Bahnen zu lenken. Der Mittelpunkt ihrer Zuchtobjekte war das französische Widderkaninchen, und es gelang ihnen durch sorgfältige Zuchtwahl und Blutauffrischung, zu deren Durchführung teils aus dem Elsass, teils aus Frankreich bessere Zuchttiere importiert wurden, aus dem degenerierten Widder schöne Tiere von respektabler Größe und höheren Gewicht herauszuzüchten. Auf den Ausstellungen der 90er Jahre hatte man häufig Gelegenheit, solche Tiere zu sehen und zu bewundern.

Nachdem nun die Ehre des französischen Widders gerettet schien, stellte sich abermals ein anderes Hindernis in den Weg. Mit dem Import und der Verbreitung des belgischen Riesenkaninchens erwuchs unserem Widder ein gefährlicher Bundesgenosse, der dem ersteren die Behauptung auf dem Weltmarkte nicht ganz mit Unrecht streitig machte. Die unausbleibliche Folge dieser neuen Zuchtrichtung war ein abermaliger schwerer Rückschlag für das Widderkaninchen, und heute hat es den Anschein, als ob das selbe nun endgültig auf den Aussterbeetat gestellt sei. Betrachten wir einmal unsere modernen Ausstellungen, so werden wir finden, dass sie in der Mehrzahl von belgischen Riesenkaninchen und Silbern beherrscht werden, und das von französischen Widdern nur ein winziger Bruchteil, ja sogar manchmal gar keine zu sehen respektive ausgestellt sind. Diese unleugbare Tatsache ist tief bedauerlich und findet in obigen Darstellungen ihre volle Bestätigung. Der weitaus größte teil der Züchter sieht eben in dem belgischen Riesen den kommenden Messias, wenn ich mich so ausdrücken darf, und wenn wir unseren wetterharten, seit mehr als einem Jahrhundert akklimatisierten und gut züchtenden französischen Widder mit ersterem in dieser Hinsicht in Vergleich stellen, so ist doch ein gewisser Vorteil nicht zu verkennen. Wir wollen deshalb den belgischen Riesenzüchtern nicht neidisch sein, hegen aber anderseits auch wiederum die Hoffnung, dass unsere Rasse neue Freunde gewinnen möchte.

Die von Herrn Bastian vorgetragenen Lesarten von der Entstehung der Widderkaninchen werden bis in die neueste Zeit von den meisten Kaninchenzüchtern geteilt. Weil unseren Züchtern ( die zum Teil Anspruch darauf machen, als "Autorität" zu gelten) naturwissenschaftliche Bildung zumeist fehlt, haben sie kein Verständnis dafür, natürlichen Ursachen eine umgestaltende Wirkung zuzuschreiben. Viel lieber greifen sie, um sich die Sache zu erklären, zu einer erotischen Abstammung ihrer Lieblinge. Dies ist nicht, wie viele glauben, eine etwa nur den deutschen Züchtern anhaftende Eigentümlichkeit, sie findet sich überall. einige Züchter sagen nun auch in einer geradezu wegwerfenden Art: Es ist uns einerlei, woher die Tiere stammen, wir nehmen die Tiere, wie wir sie vor uns haben. Es sind dieselben Leute, die über einen weißen Zehennagel in mächtige Erregung, über einen Zentimeter Mehrlänge in selige Verzückung geraten! solche Menschen haben das Wesen der Zucht einfach nicht begriffen. Wer die Geschichte der Rasse kennt, weiß ihre Entstehung, ihre Fortentwicklung, ihre Ziele. Nur so lassen sich manche Ereignisse in der Zucht erklären, so allein bleiben wir davor bewahrt, falsche Wege einzuschlagen. Das ist mir niemals auffälliger geworden als gerade bei unseren Widderkaninchen. Man sollte es einfach nicht für möglich halten, wie wenig bis zum Jahre 1905 die Ansichten der Züchter über das französische Widderkaninchen geklärt waren. Niemand hatte eine Vorstellung davon, wie das Tier überhaupt genau auszusehen hätte. Und dabei handelt es sich um eine Rassen, die nicht einmal mehr so jung ist. Wahrheit und Dichtung ist niemals ärger durcheinander geworfen.

Was wissen wir heute vom französischen Widderkaninchen? Zuerst, es stammt genau so von dem gewöhnlichen Hauskaninchen ab wie alle unsere anderen Kaninchenrassen. Betrachten wir dazu kritisch die Angaben früherer Schriftsteller. Bastian sagt zunächst: Nach französischen Quellen stammt diese Rasse aus dem nördlichen Afrika und ist von Algier nach Frankreich eingeführt worden. Was sagt das? Lebte in Algier eine Kaninchenrassen mir herabhängenden Ohren? Wir kennen heute das Tierleben Afrikas sehr gut, aber eine solche Rasse gibt es dort nicht. Dann weiter! Das französische Widderkaninchen soll vom Kaphasen abstammen. Das will bedeuten, dass sich eine wildlebende hasenähnliche Form zu einem Kaninchen in der Domestikation umgewandelt hat, das sich nicht nur mit den anderen Kaninchenrassen erfolgreich und stets paart, sondern auch das unterscheidende Merkmal der Hasen von den Kaninchen, Löcher und Gänge zu graben, angenommen hat! Nebenbei bemerkt, haben die afrikanischen oder Kaphasen wohl im Verhältnis zu ihrem Körper ziemlich große Ohren, aber keine herabhängenden. Ist den Schriftstellern denn gar nicht der Gedanke gekommen, dass damit eine Lösung des Problems: wie entstanden die herabhängenden Ohren? gar nicht gegeben ist? Wohl aber etwas anderes! Erfolgreiche Paarung von Hasen und Kaninchen! Ja, es gab früher noch Künstler auf dem Gebiet der Zucht, wir Nachkommen aber zehren noch von dem Ruhm vergangener Tage! Nun wollen wir einmal vorurteilslos untersuchen, wie die hängenden Ohren unserer Widderkaninchen entstanden sein mögen. Als treibende Ursache müssen wir zunächst die in fast allen Rassen auftretende Neigung zur Variabilität feststellen. Sie kann beeinflusst werden durch äußere Umstände. Es ist für uns ohne Wert, den Werdegang des zahmen Kaninchens in allen seinen Einzelheiten zu verfolgen. Wir können gleich mit der vollendeten Tatsache beginnen, wo die Entstehung des Widderkaninchens beginnt. Das war jene Zeit, als sich in Frankreich ein größerer schlag des Hauskaninchens als natürliche Folge einer unbewussten Zuchtwahl gebildet hatte. Sobald eine Verwertung des Fleisches stattfindet, muss die Entwicklung stets auf eine Größerzüchtung drängen. In dem Augenblick, wo die Größenzüchtung eingetreten war, konnte sich die auch bei kleineren Rassen schon auftretende Erscheinung, die Ohren zu neigen, besser entwickeln. Auch die Ohren waren größer und schwerer geworden. Diese Tatsache musste die Umbildung der Stellung und Lage der Ohren beschleunigen. Es ist nicht notwendig, dass diese Umbildung an allen Orten in gleicher Weise geschah. Irgendwo konnte sich nur eine Neigung zum Fallen der Ohren zeigen. An anderer Stelle mochte dagegen schon ein Ohr vollständig herabhängen. Und weiter, was wir heute von dem plötzlichen Auftreten neuer Rassencharakter wissen ( man zeichnet dies mit Mutation), lässt es als sicher erscheinen, dass auch wohl Tiere auftreten konnten, die beide Ohren fallen ließen. Aus diesem Material sind unsere Widderkaninchen hervorgegangen. Wann man zuerst dem neuen Rassencharakter größere Beachtung geschenkt haben mag, entzieht sich unserer Kenntnis. Die politischen Wogen gingen recht hoch in Frankreich. Aber wir wissen von Delamer (Pigeons and Rabbits), (Tauben und Kaninchen),  dass 1854 bereits eine bewusste Zuchtwahl eingesetzt hatte. Allerdings ist der neue Rassencharakter noch nicht gefestigt, denn es heißt: "dass bei Spielarten von Kaninchen, wenn auch beide Eltern vollkommen sind, vorschriftsmäßige Ohren haben und hübsch sind, die Nachkommen doch nicht unabänderlich in gleicher Weise erscheinen". Das verschiedene Aussehen der Tiere bezeugt die verschiedene Benennung. Ich will erinnern an die längst vergessenen: Andalusier, Bulldoggkaninchen, Patagonier. Dem Uneingeweihten will es scheinen, als ob hiermit verschiedene Rassen gemeint sind. In Wirklichkeit handelt es sich um die Stammrasse unserer Widderkaninchen, die sich damals noch im Zustande starker Variabilität befand. Aus diesem Chaos hat sich die Zucht nach bestimmten Grundsätzen erst langsam nach und nach entwickelt. Wenn man deshalb davon spricht, dass die französischen Widderkaninchen der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts unsere heutigen Tiere im "Typ" weit übertroffen haben, so zeugt das von Unkenntnis der ganzen Sache. Wer hatte wohl in jenen Tagen eine Vorstellung davon, wie ein französisches Widderkaninchen aussehen musste? Man lese doch nur die Beschreibung der Tiere aus jenen Tagen, sind die nicht deutlich genug? Heute haben wir viele kritischen Zeiten überschritten, die allgemeine Rassenkenntnis ist auch bei unserem französischen Widder nicht ohne Einfluss geblieben. Aber seien wir ehrlich, war es nicht eine gesunde Reaktion auf den "Ohrensport" bei seinem englischen Vetter, der das französische Widderkaninchen vor dem Aussterben bewahrte, ihm sogar zu einer großen Blüte verhalf? Und das ist, wir können es stolz bekennen, nicht eine Tat der französischen, sondern unserer deutschen Züchter.

Quelle:

Aus "Unsere Kaninchen" Ein ausführliches Handbuch für alle Züchter und Liebhaber von Kaninchen. Herausgegeben von: P. Mahlich 2. Auflage: Erschienen 1909. Das Bildmaterial stellte die AG Widderzüchter zur Verfügung und Abb. 5 Französisches Widderkaninchen Rammler, aus Lehrmeister Bibliothek Nr. 170-171 "Nutzbringende Kaninchenzucht" von Johs. Schneider, Verlag Hachmeister & und Thal, Leipzig 1810

Das Copyright für diesen Bericht liegt bei den jeweiligen Autoren. Das der Bilder bei der AG Widderzüchter bzw. beim Hachmeister & und Thal, Leipzig.

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