Über Populationen, Rassen und ihre Genreserven

Welches Potenzial sich bei den Hobbyzüchtern findet, zeigen auch die gern angenommenen Hobby Kaninchenbewertungen im Rahmen kleinerer Schauen.

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Zur Definition des Rassebegriffs schreiben Prof. Klaus Löhle und Dr. Ulf Wenzel in ihrem Buch "Kaninchen und Edelpelztiere von A bis Z", das 1994 erschien:

" Eine Rasse ist eine Tiergruppe einer Art, die folgende Charakteristika aufweist:

- Weitergehende Ähnlichkeit bezüglich morphologischer, physiologischer  und psychologischer Merkmale.

- Merkmalsunterscheidung von Tieren anderer Rassen,

- Vererbung dieser Merkmalsanlagen bei Reinzucht auf die Nachkommen.

Konventionell festgelegt und schließt Änderungen durch Selektion ein. [...] Rassen können sich ohne größere direkte Einwirkungen des Menschen unter dem Einfluss der Umwelt herausbilden (Landrassen). Sind sie unter vorwiegender Einflussnahme des Züchter entstanden, der bestimmte morphologische oder physiologische Merkmale usw. berücksichtigte, spricht man Zucht- oder Kulturrassen. Rassebildung erfolgt durch Mutation, Selektion und planmäßige Kombination (Kreuzung verschiedener Rassen untereinander), [...]. Während in der Edelpelztierzucht Rasseunterschiede vorwiegend in der Fellfarbe zum Ausdruck kommen, wird beim Hauskaninchen stärker differenziert.

Rassekaninchen aus der Gründerzeit unterschieden sich vornehmlich in ihren körperlichen Eigenschaften wie Größe, Typ, Bau, Kopf, Ohren und Haarkleid. Der Mensch förderte zunächst mutativ entstandene Anlagen wie besonderen Größenwuchs, extreme Ohren- oder Haarlänge und in ersten Anfängen besondere Anlagen der Fellfarbe wie Silberung und Spitzenschwärzung. Er wählte also immer wieder diejenigen Tiere aus den Würfen für die Weiterzucht aus, die die förderungswürdigen Anlagen am deutlichsten präsentierten. Das waren die ersten Schritte einer Selektion auf die durch Mutation entstandenen Genveränderungen. Ohne tieferes Wissen erfolgten so erste Maßnahmen zur Erhaltung der Merkmals- und damit der genetischen Vielfalt der Hauskaninchen. Daneben existierten auch Landrassen, die sich aufgrund der Haltungsumstände herausbildeten, so etwa das sehr kleinrahmige Deutsche Kaninchen, oder auch erste Landschläge mit bestimmten Farbmerkmalen wie die großrassigen gescheckten Deutschen Landkaninchen in allen vorhandenen Farben, das fahlblaue Mährische Kaninchen sowie die kleinen weißen Polnischen Kaninchen.

In der Folgezeit, als die fortschreitende Industrialisierung die Menschen veranlasste, ihre ländliche Heimat zu verlassen, und sie sich den Arbeit und Wohlstand verheißenden, schnell wachsenden Städten zuwandten, entstand das Bedürfnis, sich ein kleines Stück Heimat in Form der Kleintierhaltung zu bewahren. Das natürlich zuallererst zur Eigenversorgung mit wertvollen tierischen Nahrungsmitteln wie Kaninchenfleisch.

Die intensive Beschäftigung mit den Tieren führte im Streben sowohl nach einer gewissen Selbstbestätigung als auch nach gemeinschaftlichem Handeln schließlich zur Bildung erster Vereine, die sich rasant ausbreiteten. Die Kaninchenzüchter waren offen für alles Neue, und jede Farbe, jede Haarart und auch jede Veränderung des Baus und Typs der Kaninchen wurden begeistert aufgenommen - erste Kombinationsrassen entstanden. Vorrangig farbliche Mutationen führten zur Ausweitung des Rassenspektrums, das Ende der 1930er- Jahre seinen vorläufigen Abschluss fand. Das Kaninchen war weiterhin vorrangig ein Wirtschaftsfaktor für die Produktion von Fleisch und Fellen für den eigenen bedarf.

 

Kaninchenzucht und Wohlstandsgesellschaft

Die sich verändernden gesellschaftlichen Verhältnisse, besonders der gestiegenen Wohlstand in der Bevölkerung, führten ab den 1960er - Jahren zu einer veränderten Sicht und Sinn und Zweck der Rassekaninchenzucht. Selbstverständlich bildeten wirtschaftliche Prämissen weiterhin die wichtigste Säule. Eine weitere bildete sich heraus: die Rassekaninchenzucht in bescheidenem individuellen Rahmen, die nach dem Arbeitstag Ausgleich und Erholung versprach. Dazu reichten die Wirtschafts- und ähnlich gelagerten Farben- und Zeichnungsrassen nicht mehr aus. Der Bedarf an der Erweiterung des Spektrums der kleinen, vor allen Dingen aber der Zwergrassen, stieg. Folgerichtig erfuhren die Farbenzwerge einen ungeahnten Aufschwung, wobei neue Farbenschläge entstanden und so als Rasse den wachsenden individuellen Ansprüchen gerechter wurden. Zwergfuchskaninchen und Zwerg - Rexe kamen in bescheidenem Umfang hinzu, und die Zwergwidder, unsere heute beliebteste Kaninchenrasse, begannen ihren Siegeszug, der uns eine kaum noch zu überschauende Buntheit bescherte. Nach den heute geltenden Regeln zur Zulassung neuer Farbenschläge wäre dies sicher nicht möglich gewesen.

Heute können wir uns glücklich schätzen. Die Prämissen, so denke ich, werden hier falsch gesetzt, und man ist versucht, das Pferd von hinten aufzuzäumen. Was ist das genetisch Erhaltenswerte an den Zwergwiddern? Ihre Farbe? Nein, diese ganz bestimmt nicht, denn die Grundgene und Allele ihrer Farben gibt es bereits bei anderen Rassen oder in weiteren Kombinationen bei ihnen selbst. Das genetisch besondere an ihnen ist der Typ eines Widders im kleinen Format ohne die Anlage zum Zwergwuchs. Der Widdertyp stellt eigentlich schon nicht mehr das Besondere an ihnen dar, ist aber dennoch in Kombination mit dem kleinen Körper genetisch zu erhalten, weil eine Neukombination wie vor 50 Jahren ganz einfach zu aufwendig wäre. Die Genreserve, die uns die Zwergwidder erhalten sollen, sind demnach Größe und Typ einschließlich Kopf und Behang - und das alles im Kleinstformat.

Gleiches gilt für die Farbenzwerge mit ihren besonders kurzen, dennoch das Wohlbefinden nicht beeinträchtigenden Ohren in Kombination mit dem Zwergtyp und dem breiten, kurzen Kopf mit den verhältnismäßig großen, vorstehenden Augen. Die Grundgene und Allele ihrer Farben sind allgegenwärtig und keine besonders erhaltenswerte, allein auf sie beschränkte Anlage.    

                                                     

Rassen und Populationen

Nun wurde, etwas durch Prof. Wolfgang Rudolph, darauf verwiesen, dass eine Population unserer Kaninchenrassen in ihrer Anzahl einen gewissen Mindestwert nicht unterschreiten darf, um degenerativen Erscheinungen wirksam begegnen zu können oder diese gar nicht erst zuzulassen. Dem ist nichts hinzuzufügen. Was aber ist eine Population? Es ist nach Löhle und Wenzel (1984) "eine sich sexuell fortpflanzende Individuengesamtheit, mit einem gemeinsamen Genbestand (Genpoop), den sie sich von anderen Gesamtheiten unterscheidet. Die Population ist gleicher Selektionswirkung und gleichen erheblichen Schwankungen unterworfen, sie besitzt gleiche Reproduktionsverhältnisse."

 

Das trifft wohl auf keine unserer Kaninchenrassen zu, denn erhebliche Schwankungen und Reproduktionsleistungen sind von Zucht zu Zucht und von Gemeinschaft zu Gemeinschaft sehr verschieden. Bei Löhle und Wenzel (1984) heißt es:

 

"Eine Population kann nach Haring und Grulin (1971) sein:

- Identisch mit einer bisher als Rasse geführten Tiergruppe. Das ist der Fall, wenn alle Tiere einer Rasse züchterisch gemeinsam betreut werden und ein regelmäßiger Austausch von Zuchttieren erfolgt; (Anm. d. Autor: Das ist in der Rassekaninchenzucht sehr eingeschränkt der Fall und trifft alle Tiere einer Rasse übergreifend nicht zu.)

- nur ein teil der bisherigen Rassen, z. B. an verschiedenen Standorten mit unterschiedlich gewordenem Zuchtziel; (Anm. d. Autor: Das kann im ersten teil zutreffen, trifft im zweiten Teil aber nicht zu.)

- die Zusammenfassung von mehreren Rassen, deren Trennung genetisch nicht gerechtfertigt ist." (Anm. d. Autors: Das trifft auf alle Rassen mit mehreren Farbenschlägen wie auch auf die Kleinsilber - wegen abweichender Fellstruktur ohne Hellsilber - zu.) "Vergleichen mit unseren Rassekaninchenzuchten ist festzustellen, dass wegen des fehlenden allumfassenden Tieraustauschs, der jeweils sehr individuellen Selektionsrichtungen und der sehr unterschiedlichen Reproduktionsleistungen nicht eine Rasse als eine gesamte Population anzusehen ist. Eventuell kann man die Fuchs- und Zwergfuchskaninchen wegen ihrer recht eng zusammenarbeitenden Züchter noch als solche ansehen. Alle anderen bestehen aus vielen kleineren, lokalen oder über bestimmte Organisationsstrukturen wie Clubs oder Interessengemeinschaften greifende Populationen. Darüber hinaus ist die Behandlung von Farbenschlägen als gesonderte Rassen, wie dies im Anerkennungswesen von Neuzüchtungen erfolgt, nicht zu rechtfertigen.

 

 

Zwergrassen im Trend

Kommen wir zurück auf die Farbenzwerge, eine Rasse mit einer sehr weiten Verbreitung, bestehend aus vielen kleineren Populationen mit gelegentlichem Tiertausch von einer zur anderen. Mit dem Auftauchen der mantelgescheckten Farbenzwerge beschreiten sie nunmehr Neuland. Die Idee, sie im Sinne einer Zwergform der Mecklenburger Schecken als neue Rasse zu betrachten und einem Anerkennungsverfahren zu unterwerfen, ist durchaus nachvollziehbar. Handelt es sich doch um eine Kombination, die aus den Farbenzwergen alleine heraus erst einmal recht schwer zu vollziehen ist, müssen doch Mantelzeichnung und Hermelintyp in Einklang gebracht werden. Wer sich schon einmal damit befasste, zieht den Hut vor dem bislnag Erreichten, denn Punktschecken widerstreben anfangs sehr heftig einer Zeichnungsverdichtung. bei diesem Bemühen den Typ nicht aus den Augen zu verlieren ist eine hoch anspruchsvolle Zielstellung. Nun sind sie da, als Neuzüchtung zugelassen und die ersten Farbenschläge sind bereits anerkannt.

Farbenzwerge gehören zu den Trendrassen, die sowohl von Rassekaninchenzüchtern als auch im Hobbybereich betreut werden. Und um Letztere geht es. Die Hobbyzüchter erreichen wir nur mit einer extremen Vielfalt an Farben, denn der Individualismus ist dort sehr stark ausgeprägt. Diesen können wir mit langjährigen Verfahren nicht bedienen. Mit Anerkennung der ersten mantelgescheckten Farbenzwerge sollte die Rasse "Zwerg-Mecklenburger-Schecken" anerkannt sein, und alle anderen Farbenschläge hätten dann genauso ihre Daseinsberechtigung, loh-, weißgrannen-, marder- und dreifarbige mit inbegriffen. Gleiches gilt für die Zwergwidder - ihre braunmarderfarbigen Schecken habe ich selbst einmal gezüchtet. Dies war zwar sehr aufwendig, doch ergeben sie ein herrliches Farbenspiel. Mit diesem Verfahren schaffen wir nicht viele kleine schwarze, blaue, wildfarbene usw., sondern eine starke Population mantelgescheckter Farbenzwerge, die sich über alle Farben erstreckt.

Nun mag man dagegen mit der viel beschworenen Reinzucht der Farben argumentieren. Diese wird aber genauso funktionieren wie bei den einfarbigen Schlägen auch. Ist die Farbe stark besetzt, wird in allererster Linie farbrein gezüchtet werden; bei selteneren Farbe oder gar Raritäten werden Züchter andere Farbpopulationen zur Blutauffrischung nutzen.

Bisher unbeachtete Gene

Bis in die 1930er-jahre waren neue Erscheinungsformen immer willkommen, um aus ihnen eine stabil vererbende Rasse zu formen und diese in den Standard aufzunehmen. Heute nehmen wir, um es gelinde auszudrücken, gegenüber diesen eine sehr reservierte Position ein. Im Gegenteil: Alles was neu ist, stört uns irgendwie und gehört außen vor. Die Hauskaninchen der Moderne verfügen über weitere, bislang von uns nicht beachtete Gene, die zu Veränderungen im Aussehen führen. Dies sind in erster Linie die Anlagen für die Mähnenbildung, für Löffelohren und als weiteres bislang nicht beachtetes Farbgen der Lutinofaktor. Da wir uns als Verband zur Aufgabe gestellt haben, Genreserven zu erhalten, bin ich der Auffassung, dass es auch diese Gene wert sind, erhalten zu werden, und das sie für die organisierte Rassekaninchenzucht erschlossen werden müssen. Erfreulich ist, dass mit der Zulassung der rhönfarbigen Löwenköpfchen und der Genter Bartkaninchen als Neuzüchtung nun ein erster schüchterner Schritt vollzogen wurde.

Die Löwenköpfchen werden in recht kurzer Frist als Rasse anerkannt werden. Das ist ganz einfach unstrittig. Sobald die Rhönfarbigen - sich für diese als Erste zu entscheiden war völlig richtig, denn sie sind im Hobbybereich einer der Renner - auf dem Markt erschienen sein werden, klopfen sofort weitere Farben an. Die Vielfalt, in der es sie heute schon gibt, ist wenigstens so breit wie die der Farbenzwerge. Wie will man mit ihnen verfahren? Das Prozedere, das heute vonnöten wäre, um diese nach und nach anzuerkennen, dauert - mit Verlaub gesagt - länger als die gesamte Zeitspanne der bisherigen organisierten Rassekaninchenzucht. So lange können wir aber nicht warten, denn die Farben werden bereits in großem Umfang gezüchtet, und ganz sicher warten viele Hobbyzüchter darauf, diese auch als Rassekaninchen präsentieren zu können.

Das besondere Gen, das erhalten werden sollte, ist die Anlage zur Mähnenbildung. Die Farben sind völlig nebensächlich. Diese gibt es immer und überall. Verschwindet einmal ein Farbenschlag, ist das kein Verlust. Er kann aus den vorhandenen Ressourcen an Rassenfarben immer wieder neu kombiniert werden, sobald der bedarf da ist.

Werbend nach außen hin ist eines: Die Löwenköpfchen sind als Rasse anerkannt. Das sollte doch so manchen im Verborgenen wirkenden Hobbyzüchter dazu animieren, auch seine Tiere in seiner Farbe als Rassekaninchen präsentieren zu wollen.

Bei den Zwergkaninchen macht seit einigen Jahren eine weitere Mutation von sich reden, die im Hobbykaninchenzüchterbereich bereits umfangreiche Beachtung gefunden hat: die Anlage zu Löffelohren. Dabei handelt es sich um Zwergkaninchen mit verbreiterten Ohrmuschel, die offenbar auch eine kräftigere Gewebestruktur aufweisen. Aufgeklappt nehmen sie tatsächlich die beinahe kreisrunde Form eines breiten Löffels ein.

Auch diese werden in allen erdenklichen Farben gezüchtet, auch als Löwenköpfchen, und ich kann mir vorstellen, dass über kurz oder lang auch sie an unsere Türen klopfen werden. Hier handelt es sich um ein neues, offenbar rezessiv wirkendes, durchaus erhaltenwertes und in die Reserve zu steckendes Gen.

Wegen der bislang geringen Beachtung lasse ich den Lutinofaktor einmal außen vor. Dazu nur so viel: Im genetischen Sinne schwarze Lutinos sind weiß mit roten Augen und einem leichten rußig cremefarbenen Einschlag. Die Farbe gibt es auch bei Rassemeerschweinchen und - Mäusen, sie wird dort als "Shadow" (Deutsch: Schatten) bezeichnet. Lutinokaninchen könnten uns also tatsächlich noch eine völlig neue Farbe bescheren.

1,0 Löwenköpfchen, gelb. Sollten diese nach Zulassung der Rhönfarbigen nicht ebenfalls gezüchtet, ausgestellt und bewertet werden dürfen? 1,0 Löwenköpfchen, japanerfarbig Dieses Tier zeigt hervorragende hervorragende Rassemerkmale. Es muss aber eine Entscheidung her: Vollfarbig oder mit exakter Holländerzeichnung. 1,0 Rex-Zwergwidder, blau. Der überjährige Zuchtrammler erfüllt alle Ansprüche an ein wertvolles Rassekaninchen.

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Auch Neukombinationen spielen vermehrt eine gewichtige Rolle. Besonders bei den Zwergwiddern sind viele Züchter in diesem Bereich aktiv, und mein Eindruck ist, dass sie den Hobbybereich sogar dominieren.

In erster Linie sind die Satin- und die Rex-(Zwerg-) Widder, die sowohl mit "normalem" Kurzhaar als auch mit dem Satinfaktor gezüchtet werden. Zudem machen Teddy-Widder (Angora-Zwergwidder) und Cashmere-Widder (Fuchs-Zwergwidder) von sich reden. Darüber hinaus werden Teddys (Zwerg-Angora) gezüchtet. Alle Genannten gibt es natürlich wieder in allen erdenklichen Farben. In einigen europäischen Verbänden sind einige von ihnen längst anerkannt.

Teddyzwerg, holländerfarbig gelb-weiß. Diese u. a. in England gezüchtete, vielfarbige Rasse hat auch bei uns ihren begeisterten Liebhaberkreis. Deutlich sind die an Mausohren erinnernden verbreiterten Ohrmuscheln erkennbar. Hier klopft mit den Löffelohrzwergen eine weitere verbreitet gezüchtete Zwergrasse an die Pforten des Standards.
Foto: © Nadine Paulesch

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Farben und Farbenschläge

Farben sind nicht gleich Farbenschläge, und Farbenschläge sind keine Rassen. Was für die praktische Arbeit heißen soll, dass das Gewusel an allerlei Farben und Farbkombinationen, das heute den Hobbybereich beherrscht, mit einer Rassekaninchenzucht nicht vereinbar ist. So sind Holländeranlagen allgegenwärtig, ohne Ansprüche auf Standardgerechtigkeit zu erfüllen. Holländerfarbige mit blauen Augen stehen hoch im Kurs, was mit Blick auf eventuell auftretende Epilepsien verwerflich ist. Farben wie Fehmarder oder Sallander, diese auch in Blau oder Havanna, bereichern die Palette. Japanerfarbige kommen in allen vier möglichen Varianten, also schwarz-gelb, blau-gelb, havanna-gelb und feh-gelb, vor. Das ist wenigstens solange problematisch, wie unsere Zwergrassen nicht in allen Farben zulässig sind, sondern ausschließlich in denen, die auf eine sogenannte Ausgangsrasse verweisen können.

Auf der anderen Seite existieren viele Zuchten, in denen die Reinzucht einer oder mehrerer Farben ernsthaft betrieben wird. Das wäre ein Anfang, die vielen beliebten Zwergrassen, die heute dem Hobbybereich vorbehalten bleiben, einem Rassenstatus zuzuführen. Hat sich die Rasse in ihrer Anfangsfarbe schließlich etabliert, kann sie in allen anerkannten Kaninchenfarben ohne aufwendige Verfahren, wie bei den Farben-Zwergen beschrieben, aufgenommen werden. Wichtig ist die Erhaltung ihrer Population(en) in ihrem eigenen, typischen Erscheinungsbild. In welcher Farbe dies geschieht, sollten die Züchter entscheiden.

Einschränkend dazu muss ich jedoch festhalten, dass auch ich die zügellose Erweiterung der Farbenschläge anerkannter Rassen außerhalb des Zwergkaninchenbereiches nicht gutheiße. Ganz einfach deshalb nicht, weil ein Bedarf für diese nicht wirklich da ist. Das hat der Werdegang so mancher Neuzüchtung bewiesen. Auf anfänglichen Enthusiasmus folgte ein stark nachlassender Atem, und der anfangs gefeierte Farbenschlag verschwand wieder in der Versenkung. Die Ursache dafür war, dass mit diesen Neuzüchtungen keine neuen Züchter aktiviert wurden und viele der anfänglichen Mitstreiter sich wieder auf ihre eigentliche Rasse konzentrierten.
 

Farbenschläge der Raritäten

Bei Rassen, deren hauptsächliche Merkmale in Körperbau, Form und Typ, einschließlich des Kopfes, der Ohren und gegebenenfalls auch der Haararten, zu finden sind, spielt die Farbe eine untergeordnete Rolle. Ist ihre Population darüber hinaus recht beschränkt oder gehören sie, wie unsere Englischen Widder, zu den Raritäten im Spektrum, ist es vorstellbar, auch für sie eine Wettbewerbsklasse zu schaffen, in der gemischte Farben zulässig sind. Wenigstens die Tolerierung von gemischten Gruppen aus Schecken und Einfarbigen würde dem Anspruch auf eine geordnete Zucht in keiner Weise widersprechen, und vielfach erfolgt sie ohnehin so. Das soll nicht heißen, dass der Züchter, der eine einzige Farbe hält, etwa die recht beliebten Thüringerfarbigen, nicht ausschließlich diese züchten soll. Auch hier wäre das Vereinszuchtbuch offizielles Dokument zur eindeutigen Registrierung. Für diejenigen aber, die mehrere Farben im Stall haben und diese auch zur Festigung der typischen Anlagen miteinander paaren möchten, könnte so die Möglichkeit geschaffen werden, auch eine Zuchtgruppe oder Kollektion ihrer mehrfarbigen Würfe auszustellen. Damit wird dem Anspruch auf Erhaltung der Genreserven nicht zuwider gehandelt. Ein Beispiel: Die typischen Gene der Englischen Widder werden im Erscheinungsbild durch die Körperform und Kopfbildung sowie von den extrem langen und entsprechend breiten Ohren bestimmt und durch farbübergreifende Populationen sogar gestärkt. Das Verfahren muss aber an eine gewisse zahlenmäßige Überschaubarkeit der Rasse gebunden sein. Hasenkaninchen etwa ebenfalls in gemischten Farbklassen zuzulassen hätte wenig Sinn. Aufgrund ihrer Verbreitung als Rasse besteht dafür bei ihnen ganz einfach kein Bedarf.

 

Schluss und Ausblick

Als Neuzüchtung sind in der jüngeren Vergangenheit immer wieder ergänzende Kombinationen aus den bereits vorhandenen Größen, Typen und Farbenschlägen hinzugekommen. Tatsächlich Neues konnten wir schon lange nicht mehr registrieren. auch die neu zugelassenen Neuzüchtungen ordnen sich hier ein. Dasselbe gilt für die in Österreich erschienenen "Königsrexe", eine Kombination aus Rexkaninchen, Mecklenburger Schecken und Japanerfarbe, die in allen vier Farbvarianten, also schwarz-Gelb, Blau-Gelb, Havanna-Gelb und Feh-Gelb zugelassen ist. Das ist sicherlich sehr anmutig. Kaninchenfreunde von außen- sprich; aus  dem Hobbybereich kann damit kaum einer hinter dem Ofen hervorlocken. Dort gibt es aber sehr ernsthafte Züchter, die teilweise mit einem unglaublichen Wissen sowohl in der praktischen Tierzucht und Haltung als auch in der Genetik ausgestattet sind und die sich ohne Weiteres mit ihren Völlig neuen Rassen in unsre Züchtergemeinschaft einbringen können.

Droht ein Gebäude Schaden zu nehmen, weil die Säulen, auf denen es steht, zu schwächeln beginnen, muss man hingehen, den Boden festigen und bedarfsgerecht Säulen hinzufügen. Zu festigen ist das Spektrum unsrer vorhandenen Rassen. Das  erreichen wir aber nicht durch zügellose Erweiterung ihrer Farbenschläge. Nein, das muss maßvoll erfolgen. Genau so wird man, wenn zwei neue Säulen gebracht werden, nicht gleich zehn aufstellen. Eine von ihnen ist der Respekt vor den Zuchtleistungen und der Kreativität, wie sie in der Hobbykaninchenzucht bundesweit zutage treten; eine andere die Anerkennung ihrer qualitativ hochwertigen Früchte, wie die Beispielsweise Löwenköpfchen, Löffelohren, Rex-Zwergwidder und Zwerg-Angora bzw. Teddyzwerge heute bereits dokumentierten. Die Genannten sind längst als eigenständige Rassen zu betrachten. Dabei dürfen wir uns nicht überfordern und müssen zunächst die Rassen favorisieren, die im Hobbybereich einen tatsächlichen Stellenwert besitzen. Eine dritte Säule wäre die maßvolle Liberalisierung unsres Ausstellungswesens mit dem Ziel, einen maßgeblichen Teil der für uns gewinnenden Idealisten nicht ihrer züchterischen Philosophie zu berauben. Die alten, bewährten Säulen wie unser Standardwesen, die Organisation mit Herdbucb, Clubs, Interessengemeinschaften, Verbänden und Vereinen werden davon ebenso wenig infrage gestellt wie die vorhandenen Rassen und Farben. Im Gegenteil, sie werden entlastet und zugleich gestärkt daraus hervorgehen. Das alte Zahlen in der Mitgliedschaft dabei erreicht werden, ist weniger zu erwarten. Jedoch könnte das ein Weg sein, wie unser Verband seine derzeit noch bedeutsame Stellung beibehält. Mit der Zulassung der Löwenköpfchen wurde ein erster schüterner, aber dankenswerter schritt getan, und die Anerkennung der Rhönfarbigen wird kurz bis mittelfristig erfolgen. Anschließend darf aber nicht gekleckert,  sondern es muss geklotzt werden. Der Blick nach außen eröffnet uns einen lohnenden Weg, die gesellschaftliche Bedeutung unseres Verbandes in die Zukunft zu tragen.

Dieses Foto dokumentiert die Befürchtung der ZDRK Standard-Fachkommission, wenn sie von unendlichen Kombinationsmöglich- keiten spricht: ein Satinrex-Zwergwidder mit Weißohrscheckung in Thüringerfarbig-Weiß. Eine Definition der idelalen Zeichnung existiert für sie nicht.

Foto: © Sylvana Kropstat

Daraus ergeben sich aus meiner Sicht folgende Konsequenzen: Für Farbenschläge vorhandener Rassen und für neue Rassen im herkömmlichen Sinne, mit Ausnahme der Zwergrassen, ist das Anerkennungsverfahren wie gehabt anzuwenden. Bei unsren weniger werdenden Mitgliedern ist der Nachweis eines tatsächlichen Bedarfs unabwendbar.

Hobbyzüchter, die Rassekaninchen züchten wollen, müssen sich zunächst zu den anerkannten Farbenschlägen und ihren Standardforderungen bekennen und entsprechende Entscheidungen treffen. Dabei sind holländerfarbige Kaninchen mit blauen Augen tabu.

Neue Zwergrassen, wie im Text beschrieben, bedürfen der Anerkennung eines Eingangsfarbenschlages nach dem bisher angewandten Verfahren. Hat die Rasse ihre Aufnahme in den Standard gefunden, dürfen alle anderen im Standard anerkannten Farbenschläge, mit Ausnahme der Punktschecken (Vermeidung doppelter Spalterbigkeit in Verbindung mit dem Magacolon - Syndrom), gezüchtet und ausgestellt werden, so wie dies einst bei den Farbenzwergen der Fall war: "Anerkannt sind alle Farbenschläge der übrigen Rassen (Deutscher Einheitsstandard, 1961). Für bereits anerkannte Zwergrassen, wie Zwergfuchskaninchen und Zwerg-Rexe, ist analog zu verfahren,  da auch sie den Hobbybereich stark Tangieren. Neue Farbenschläge im Rahmen der anerkannten Kaninchenfarben können bei ihnen nicht als Neuzüchtung gelten.

Neue Farben, wie etwa Weißohrenschecken als offenbar besondere Kombination der Mantel- und Holländerzeichnung (man geht auch davon aus, dass es sich hier um ein bislang unbekanntes Scheckungsgen handelt), bedürfen der Anerkennung einer sogenannten Ausgangsrasse nach einer noch zu erarbeitenden Musterbeschreibung. Danach können sie als Farbenschlag in die Zwergrassen übertragen werden. Diese Tiere könnten aber auch als Erste eine Farbe zeigen, die nach bekanntem Verfahren ohne "Ausgangsrasse" Aufnahme bei den Zwergwiddern findet.

Die Verfahrensweise für besondere Exoten, wie etwa Rex-Löwenwidder, ist festzulegen, wenn gesicherte Erkenntnisse bezüglich der Rasse bei der Zulassung und über den Umfang der anschließenden Züchtung der neuen Zwergrassen vorliegen.

Hobbykaninchen sind eine Domäne der Frauen und Mädchen. Nehmen wir Hobbykaninchen als Rassen auf, dann wird sich unser Mitgliederbestand von der einstigen Männerdominanz zu ihren Gunsten hin verschieben.

Henry Majaura

Literatur:

Prof. Dr.sc.Löhle, Klaus, Vet.-Rat.Dr.Wenzel, Ulf D.:Kanninchen und Edelpelztiere von A bis Z, VEB Deutscher Landwirtschaftsverlag Berlin 1984

Hornung, Walter: Neuzüchtungen: Ja, aber mit Augenmaß. Kaninchenzeitung 15/2012

Deutscher Einheitsstandard 1961

 

Wir bedanken uns für diesen Bericht bei Zuchtfreund Henry Majaura und für die Bilder bei Melanie Jablonka, Nadine Paulesch, Heike Schletz und Sylvana Krupstat sowie Henry Majaura.

Das Copyright für diesen Bericht liegt bei dem Züchter Henry Majaura und das der Bilder bei oben genannten Züchterinnen/er bzw. der Arbeitsgemeinschaft der Widderzüchter.

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